Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Die einzigartigen Monumente der Ruinenstadt Palmyra faszinieren die Menschheit seit Jahrhunderten. Touristen wie Wissenschaftler reisten nach Syrien, um die durch Römer, Griechen und Perser geprägte Kultur zu bewundern – bis der sogenannte „Islamische Staat“ das Weltkulturerbe zerstörte. Vor dem Hintergrund dieser katastrophalen Situation stellt das Wallraf jetzt die Frage „Palmyra – Was bleibt?”. In seiner gleichnamigen Ausstellung (26.2. – 8.5.2016) zeigt das Museum vierzig Zeichnungen von Louis-François Cassas (*1756 †1827), die der französische Künstler, Archäologe und Architekt im Jahre 1785 vor Ort anfertigte. Seine Arbeiten spiegeln noch heute auf atemraubende Weise die einstige Schönheit und Faszination der antiken Monumente wider.

Darüber hinaus veranschaulicht ein 4 m² großes topographisches Modell mit wechselnde Projektionen von Karten und Luftaufnahmen den drastischen Wandel Palmyras im Laufe der Zeit. Cassas’ Stadtplan nimmt durch seine bis dahin unerreichte Detaillierung in diesem Prozess eine wichtige Rolle ein. Die aktuellen Satellitenaufnahmen führen den Ausstellungsbesuchern die dramatischen Zerstörungen durch den „IS“ vor Augen und belegen zudem den hohen dokumentarischen Wert der mehr als 230 Jahre alten Zeichnungen. Das Modell wurde konzipiert und realisiert vom Lehrstuhl für Denkmalpflege und Historische Bauforschung (RWTH Aachen) mit dem das Wallraf für „Palmyra – Was bleibt?” eng zusammengearbeitet hat.

Schon Johann Wolfgang Goethe war ein großer Bewunderer von Cassas. So berichtet der Dichter in einem Brief vom 6. September 1787 seiner Geliebten, Charlotte von Stein, aus Rom: „In einigen Tagen werde ich die Arbeiten eines geschickten Architekten sehen, der selbst in Palmyra war und die Gegenstände mit großem Verstand und Geschmack gezeichnet hat.“ Das von Goethe avisierte Treffen fand am 16. September in der Wohnung von Cassas in der Casa Toboli, Nr. 6, statt. In einem späteren Brief schreibt Goethe: „Die Sachen des Cassas sind außerordentlich schön. Ich habe ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch mitbringen will.“ Diesem Brief beigegeben waren An den Freundeskreis in Weimar zehn Beschreibungen von Zeichnungen Cassas’, darunter zwei längere von Zeichnungen aus Palmyra.

Drei Jahre (1784 bis 1787) reiste Louis-François Cassas durch den Orient und war einer der ersten Architekten und Archäologen, der auch nach Palmyra kam, um Antworten auf wichtige Fragen der Architekturgeschichte zu finden. Dabei ging es ihm vor allem um Materialästhetik, Bautechnik sowie um die historische Herleitung einzelner Formen und unterschiedlicher Baustile – Fragen, die die Fachwelt bis heute beschäftigen. Neben ihrem dokumentarischen Wert besitzen die präzisen Zeichnungen von Cassas auch einen hohen ästhetischen Wert. Die vor Ort entstandenen Bauaufnahmen und rekonstruierenden Perspektivzeichnungen sind heute wichtige Originalquellen, die von der Schönheit und architektonischen Faszination der antiken Stadtanlage berichten. Die wechselvolle, von Raub, Zerfall und Zerstörung geprägte Geschichte der Baudenkmäler Palmyras machen die Cassas-Zeichnungen zu einmaligen Zeugnissen einer unwiderruflich für die Menschheit verlorengegangenen Kunst- und Kulturepoche.

Ein Konvolut von 36 Cassas-Zeichnungen mit Darstellungen der antiken Bauwerke von Palmyra und anderen Stätten im Vorderen Orient blieb bisher wegen fehlender technischer Voraussetzungen und mangelnder personeller Kapazitäten unrestauriert. Dank finanzieller Förderung durch die Gerda-Henkel-Stiftung konnten diese Zeichnungen im Vorfeld der Ausstellung „Palmyra – Was bleibt?“ konservatorisch bearbeitet werden und sind nun erstmals öffentlich zu sehen.

 

Die Ausstellung wird unterstützt von: