Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Tintorettos Venedig

Venedig zur Zeit Tintorettos

 

Mit etwa 150 000 Einwohnern war Venedig zur Zeit Tintorettos nach Paris und Neapel die volkreichste Stadt Europas, Metropole und Großmacht zugleich: eine Einwanderungsstadt mit kroatischen Steinmetzen, griechischen Madonnenmalern – und Kölner Buchdruckern. Anders als etwa Mailand, Genua, Florenz und Rom blieb Venedig von Eroberungen verschont – als Schutzwall (und Nahrungsquelle) dienten die Lagune mit ihren Sümpfen und die zum Meer hin vorgelagerten Inseln.

Sprichwörtliche wie die territoriale „Jungfräulichkeit“ Venedigs waren Stabilität und Toleranz ihrer Regierung. Die meisten Staatsämter wurden durch komplizierte Wahlvorgänge und nur auf kurze Zeit vergeben. Der auf Lebenszeit regierende Doge wurde erst in hohem Alter gewählt und nahm vor allem repräsentative Aufgaben wahr. Die eigentliche Staatsführung lag in den Händen kollektiver Gremien, die sich aus dem Großen Rat rekrutierten, der etwa 2000 Mitglieder zählenden Versammlung aller männlichen venezianischen Patrizier. Da diese nicht Feudalherren, sondern vornehmlich Kaufleute waren, verband sie ein gemeinsames Interesse an der Verteidigung und Verwaltung des ausgedehnten venezianischen Dominiums mit seinen überseeischen Kolonien.

Die aristokratischen Familien machten kaum mehr als vier Prozent der venezianischen Bevölkerung aus, der Klerus knapp zwei Prozent. Etwas mehr als fünf Prozent gehörten den cittadini an, einer privilegierten Bürgerschicht von Kaufleuten, Ärzten und Juristen. Aus den Familien der cittadini, die teilweise sogar Wappen führten, rekrutierten sich die Beamten der venezianischen Bürokratie. Den höchsten Bevölkerungsanteil stellten mit über achtzig Prozent die politisch machtlosen popolani, in deren Händen Fischerei, Dienstleistungsgewerbe und Handwerke aller Art lagen. Dieser Schicht gehörte Tintoretto an. Fieberhafte künstlerische Tätigkeit bildete für ihn eine Möglichkeit der Teilhabe – etwa an religiösen Diskussionen. Mit seinen gemalten ‚statements‘ stieß er in den öffentlichen Raum, in die Kirchen, die Adelspaläste, ja bis in den Dogenpalast vor.

Auf dieser Karte sind die Orte markiert, die für den jungen Tintoretto besonders wichtig waren: zum Beispiel seine eigenen Adressen und die seiner Freunde oder Förderer, vor allem aber Orte, an denen Jacopo seine Gemälde platzierte. Grundlage ist ein 1500 erschienener tapetenartiger Riesenholzschnitt (135 x 282 cm) von Jacopo de‘ Barbari. Der aus Oberitalien stammende Maler und Kupferstecher muss Venedig abschnittweise von Kirchtürmen (und vielleicht auch Mastkörben) aus gezeichnet haben. Ab Frühjahr 1500 hielt er sich etwa ein Jahr in Nürnberg auf. Ein dortiger Nachbar Albrecht Dürers, der Buchdrucker und Verleger Anton Kolb, übernahm Produktion und Vertrieb des Holzschnitts. Er zeigt das Venedig von Tintorettos früher Kindheit. Während der Amtszeit des Dogen Andrea Gritti (1523– 1538) begann eine architektonische und urbanistische Erneuerung, die das Erscheinungsbild der Stadt bis heute prägt.