Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud
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DAS TRIPTYCHON ALS ANDACHTSMASCHINE

Kölnisch
Triptychon mit Darstellung der Heilsgeschichte
, um 1340 – 1350

Dieses Triptychon war wohl eine veritable Andachtsmaschine, die bei bedachtsamem Öffnen der Flügel wie eine Schleuse zwischen hektischem Alltag und kontemplativer Versenkung wirkte.

Öffnete man zunächst – der Anbringung des Riegels entsprechend – nur den linken Flügel, so erschien an einer eben noch vom (außen aufgemalten) Verkündigungsengel gewiesenen Stelle nun die Seitenwunde Christi. Der zur Verifizierung des Exitus durchgeführte Lanzenstich war trotz unvollständiger Öffnung deutlich und vollständig sichtbar: Der römische Zenturio Longinus hält die Lanze mit der Linken; seine im Bogen zurückgeführte rechte Hand deutet mit dem Zeigefinger auf das linke, geöffnete Auge. Die Darstellung meint das erste posthume Wunder Christi – die Heilung des blinden Longinus durch das aus der Seitenwunde tretende Blut. Perfekt ist der Gleichklang zwischen dem geöffneten und dem geschlossenen Auge des Longinus einerseits und dem geöffneten linken und dem geschlossenen rechten Flügel des Triptychons andererseits. Ähnlich wie Longinus ist auch der fromme Bildbenutzer noch nicht vollständig sehend, solange das Triptychon nur halb geöffnet ist.

Erst bei Öffnung auch des rechten Flügels entfaltet sich die Erlösungsgeschichte komplett. Dem Tod am Kreuz folgen nun auf der rechten Flügelinnenseite Himmelfahrt und Pfingsten – Jesus erweist sich als Christus und Sohn Gottes. Mit einem triumphal empor gehaltenen, vor goldenem Grund mit größtem Resonanzraum versehenen Spruchband kann der gute Hauptmann – quasi als ein vollständig sehendes Alter Ego des Longinus – verkünden: „vere filius dei erat iste“ (wahrlich, dieser war Gottes Sohn). Jetzt erfüllt sich das Wort im Spruchband des Verkündigungsengels auf der linken Flügelaußenseite: „gratia plena“ (voll der Gnaden). Schließt man das Triptychon wieder, beginnend mit diesem Flügel, so sieht man für kurze Zeit beide Spruchbänder nebeneinander. Darauf macht die Symmetrie der Gesten des Verkündigungsengels und des Hauptmanns aufmerksam.

Dieses Triptychon stand einst wahrscheinlich auf der Kirchenempore des Kölner Klarissenklosters und gehört zu einer von dort stammenden Werkgruppe, die zu den ältesten erhaltenen deutschen Gemälden zählt. Es handelt es sich wohl um ein Andachtsbild, das der persönlichen Meditation der Nonnen diente.

Das Kölner Klarissenkloster wurde 1304 gestiftet und nahm Frauen aus Patriziat, Adel und Hochadel auf. Wie rasch die Kunstliebe im exklusiven Ambiente gedieh, belegen die um 1350 entstandenen Buchmalereien der Nonnen. Das Triptychon wurde von einer Kölner Werkstatt außerhalb der Klostermauern geschaffen, die auch farbige Bemalung von Skulpturen (Fassmalerei) ausführte und Entwürfe für Glasfenster lieferte.

Kölnisch,
um 1340 1350

Triptychon mit Darstellung der Heilsgeschichte
Eichenholz, Mitteltafel 65 x 48 cm, Flügel je 65 x 24 cm (mit originalem Rahmen)
Sammlung Ferdinand Franz Wallraf
Inv. Nr. WRM 0001
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln